Samstag, 14. Januar 2012

Nein, wir wollen wirklich keine Physiotherapie

Gestern in der Selbsthilfegruppe Krabbelgruppe...Anfangsrunde. Jeder erzählt, wie die letzte Woche so lief, was es neues gibt usw.

Nachdem ich letzte Woche erzählte, dass uns an Weihnachten in der Klinik, als wir wegen Husten dort waren, gesagt wurde, er bräuchte Physiotherapie wegen der motorischen Entwicklung, berichtete ich diese Woche von unserem Kinderarztbesuch. Und dass unser Kinderarzt meinen Eindruck bestätigt hat: wir brauchen keine Therapie, alles prima, normal entwickeltes Kind, mit Hochziehen und an Möbeln-entlang-laufen sogar durchaus recht früh dabei...Die Ärztin habe sich sicher nur wegen der Größe verschätzt.

Und dann ging es los...
eine Mutter, deren Kind immer einen Cranio-Helm trägt und sich mit 9 Monaten noch nicht dreht, fragte irritiert:
"Warum willst du keine Physiotherapie?"
"Wir brauchen keine."
"Aber das ist total toll! V. liebt es!"
"Ja, aber wir brauchen keine Therapie."
"Ist aber echt toll, wirklich. Und es kostet dich doch nichts. Ist wie Babyturnen auf Krankenkasse".

Daraufhin mischte sich auch noch die Kursleiterin ein...
"Passt das nicht in Euren Tagesablauf? Ist es zu stressig?"
"Nein...wenn es nötig wäre, würden wir dorthin gehen, aber wir brauchen nicht.....!!!!!!!!"
"Naja, bei manchen Familien passt das eben nicht in den Zeitplan. Aber ist echt toll, wirklich".

Was soll das denn bitte? Demnächst vielleicht noch Ergotherapie statt Spielgruppe und Singen beim Logopäden statt musischer Früherziehung? Schont immerhin den eigenen Geldbeutel...
Und die Unterstellung, wir würden es aus Zeitgründen nicht machen, ist eine bodenlose Frechheit. Wir karren jeden Morgen die Große 7 km (einfache Strecke) in die Schule...wir karren sie zum Eislaufen (12 km!)und Schwimmen...Wir fahren zum Babyschwimmen und zur Krabbelgruppe. Wenn es sein müsste, würden wir in den Plan auch noch eine Therapie reingepfropft kriegen.

Und abgesehen davon, dass ich bisher immer gehört habe, dass die meisten Babys bei der Krankengymnastik bitterlich weinen, weil es wohl gar nicht toll ist, wüsste ich nicht, warum ich mit meinem kerngesunden Kind irgendwelche Therapien machen soll. Für die uns unser (Gott sei Dank sehr entspannter!) Kinderarzt auch kein Rezept ohne Not ausstellt.

Aber mit der Meinung stehe ich vermutlich allein auf weiter Flur. Ich kenne Kinder, die im Vorschulalter jeden Nachmittag zum Therapeuten rennen und keine Zeit mehr für ihre Freunde oder mal einen Sportverein haben. Das finde ich persönlich bedenklich. Und gar nicht toll.

Kann es vielleicht sein, dass es einfach zu viele Physiotherapie-Praxen gibt....Und für Erwachsene wird ja nicht mehr jeder Schnulli bezahlt? Werden vielleicht deshalb reihenweise schon kleinste Säuglinge dorthin verwiesen....Anders kann ich mir das kaum mehr erklären, dass gefühlt jedes Kind dorthin geht ;-).

Kommentare:

  1. Hm, also irgendwie ist das bei euch eine andere Klientel als bei uns. Mir wurde noch nie irgendeine Therapie für meine Kleine aufzuschwatzen versucht. Würde mein Kinderarzt auch gar nicht mitmachen.

    Aber wie kommt das Kind in deiner Gruppe zum Cranio-Helm... hat es so einen deformierten Kopf?

    AntwortenLöschen
  2. Ja, das ist scheint in Berlin unheimlich im Trend zu sein. Therapien für alle, die keine Frühstarter sind. Wer sich mit 3 Monaten nicht dreht, nicht mit 6 Monaten frei sitzt und nicht mit 10 Monaten läuft, sollte zum Therapeuten...Völliger Humbug. Bloss gut, dass auch unser Kinderarzt sowas nicht unterstützt.

    Aber es gibt auch ganz andere Ärzte. Vor einigen Wochen hielt eine Kinderärztin in der Schule einen Vortrag über Entwicklung. Sie sagte ERNSTHAFT, dass sie am liebsten JEDEM Kind im Kita-Alter Ergotherapie verschreiben würde, weil man ja nie weiß, ob die Eltern gut genug fördern. Sie ging davon aus, dass Eltern das per se erstmal NICHT können. Nur leider leider gibt es ihr Budget nicht her, alle Kinder dorthin zu schicken....Argh!

    Ja, genau, der Kleine hat eine starke Kopfdeformation. Er ist mindestens das dritte Kind, das ich kenne, dass so einen Helm hat. Finde ich auch nicht verkehrt. Ich kenne noch mindestens ebenso viele Kinder, die so einen Helm hätten brauchen können, wo die Eltern es aber nicht getan haben. Ich kenne Kinder, deren Hinterkopf sieht aus, als hätten sie die ersten Lebensmonate ein Brett am Hinterkopf gehabt. Soooo platt...!

    Mit so einem Helm wird man zwar angestarrt, als habe man kein Kind, sondern einen Alien. Aber was solls. Wir haben das gleiche mit einer Ideal-Spreizhose (google das Monstrum mal) bei der Großen durch. Die Leute guckten uns an, als hätten wir ein behindertes Kind und taten immer ganz mitleidig. Furchtbar. Ich will nicht wissen, was Leute mitmachen, die wirklich behinderte Kinder haben.

    AntwortenLöschen