Mittwoch, 23. April 2014

Lost

Gestern war in der Zeitung zu lesen, dass ein an Demenz erkrankter Mann aus Berlin tot in Hamburg aufgefunden wurde. Von der Suche hatte ich einige Male in den Medien gehört, außerdem hingen auch hier in Berlin Plakate mit seinem Foto.

Und das Thema berührt mich auch persönlich, denn auch in unserer Familie ist jemand an Demenz (nicht Alzheimer, sondern einer anderen Demenzform) erkrankt ist. Es gibt gute und schlechte Tage, inzwischen mehr schlechte Tage und eine enorme "Lauftendenz", wie man es so schön nennt. Es ist keine Hinlauf-Tendenz, also sie läuft nicht zu einem bestimmten Ziel, auch keine Weglauftendenz, sie will also auch vor nichts flüchten, sondern sie will nur laufen, laufen, laufen...gern nachts und auch mal auf Friedhöfe. Laufen, laufen, laufen. Verlaufen.

Den ganzen Tag angezogen, Tasche in der Hand, immer mit dem Satz auf den Lippen "ich will noch in die Stadt". Das war so, als sie noch im eigenen Haus wohnte und es blieb so, als sie ins Heim einzog. Der Grund für diesen Umzug ins Heim war vor allem diese Lauftendenz, die man selbst mit zahlreichen Familienmitgliedern als "Aufsichtspersonen" nicht rund um die Uhr stemmen konnte.

Nun läuft sie weiter... und weiter... Wir gehen mit ihr spazieren, Betreuer gehen mit ihr spazieren, sie wandert durchs Haus, durch den Garten des Heims...wandert, läuft, wandert... Andere Beschäftigungen mag sie nicht...fernsehen, puzzlen, Körbe flechten, basteln, malen, nähen...alles Dinge, die sie früher mochte...heute alles doof. Laufen! Und sie bräuchte dabei mehr Aufsicht als jedes Kleinkind.

Denn sie marschiert raus aus dem Haus. In unbekanntes Gebiet. Der Bereich für die Demenzkranken ist in dem Heim mit einem speziellen Türmechanismus ausgestattet. Er erlaubt, dass alle prinzipiell rausgehen können. Personal, Angehörige und theoretisch auch die Bewohner, denn sie sind keine geschlossene Anstalt.
Der Türöffner-Knopf befindet sich nur an völlig unlogischer Stelle, nämlich hoch oben. Das würden die Bewohner nicht mehr aufmachen können, weil sie es nicht verstehen. Wurde uns gesagt. Aber damit hält man doch höchstens sehr kleine Bewohner vom unbeaufsichtigten Wandern ab, weil die da nicht drankommen, aber sonst...? Vor allem bei Erkrankten, die noch "gute Tage" zwischendurch haben, ist dieser Türmechanismus ziemlich sinnlos. Anderswo gibt es wohl Türklinken, die falsch herum aufgehen. Oder wenigstens ein Glöckchen an der Tür, das meldet:die Tür ist offen, also jemand vielleicht rausmarschiert...Oder eine Art Zahlenschloss, in das man das aktuelle Datum eintragen muss...

Aber das alles gibt es dort nicht. Denn das sei Freiheitsberaubung. Ist es auch Freiheitsberaubung, wenn Kindergärten "abhausicher" gebaut sind? Was sie in der Regel ja alle sind und wenn sie es nicht wären, würden besorgte Eltern Sturm laufen. Aber gut, kleine Kinder sind "unmündig", man kann also sie zu ihrem Schutz auf sicherem Terrain einzäunen. Alte Leute, und seien sie noch so verwirrt, anscheinend nicht. Auch nicht, wenn es zu ihrem Schutz wäre. Einerseits wirklich gut gemeint, aber es bringt auch beängstigende Momente mit sich. Ist es wirklich gut, verwirrte Menschen einer Gefahr auszusetzen?Ich weiß es nicht.


Vorgestern ist dann das passiert, was wir befürchtet haben. Um 21 Uhr kam ein Anruf des Altenheims. Die Oma sei weg. Das letzte Mal hätten sie sie um 19 Uhr gesehen. Nun käme gleich die Polizei, um sich ein Foto abzuholen...

Das Heim liegt in keiner allzu schönen Gegend, bzw. einer Gegend, die ok ist, aber wo ich nachts nicht eine Oma herumlaufen lassen würde. Es gibt nicht weit entfernt Hochhäuser mit Häuserschluchten, in denen man sich selbst bei Tag und klarem Verstand wunderbar verlaufen kann. Nachts sind dort teilweise Leute unterwegs, denen man ungern begegnen möchte. Es gibt Parks mit mehreren Seen und wenn man nur ca. 1 km läuft, landet man in einem Naturschutzgebiet, an das sich lange nichts und dann Dörfer in Brandenburg anschliessen.

Große Klasse. Ich habe mich aufs Rad geschwungen und gesucht. Alle Bushaltestellen mal abgeklappert, Einkaufspassagen durchkreuzt und bin wagemutig durch dunkle Parks geradelt. Alle Orte, an denen wir mit ihr schon entlang spaziert sind. Nichts. Die Nerven lagen bei allen ziemlich blank. Man malt sich aus, was alles sein könnte.

Um 23 Uhr gab es Entwarnung. Sie hatte bei fremden Leuten geklingelt und gesagt, sie wolle bei denen nun einziehen. Die haben die Feuerwehr gerufen und dank Etikett in der Kleidung die Oma zurückgebracht.

Ende gut, alles gut...bis zum nächsten Ausflug...

Kommentare:

  1. Die Sache mit dem vermissten Herren aus Berlin habe ich auch verfolgt. Der ist direkt gegenüber des HBF aus dem Auto gestiegen und dann in den Menschenmassen der Spitaler Straße verschwunden. Da fällt man nicht auf, ob man nun alt und gebrechlich, offensichtlich verwirrt oder sonstwas ist - man könnte da vermutlich blutverschmiert herum taumeln, entweder merkt es keiner oder es interessiert schlichtweg niemanden. Absolut tragisch. Nun wurde er endlich gefunden, damit ist zumindest die schlimme Ungewissheit weg... Trotzdem so traurig...

    Gut, dass die Oma aus deiner Familie genau bei so mitdenkenden Leuten geklingelt hat, andere hätten ihr die Tür vor der Nase zugeknallt. Glück im Unglück wohl. Ich wünsch ihr alles Gute!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Gegend, in der das Altenheim unserer Oma steht, ist auch in einer Gegend, in der ich vermuten würde, dass man dort selbst blutverschmiert nicht auffallen würde. Umso besser ist, dass die Leute, bei denen sie geklinkelt hat mitten im Plattenbaugebiet, so gut mitgedacht haben.

      Es bleibt natürlich die Angst, dass so etwas wieder passiert und dann nicht so gut ausgeht. Wir haben überlegt, ihr eine Uhr mit GPS-Sender zu geben oder ähnliches, aber die vergisst sie ja dann auch anzulegen. Genau wie sie nie ein Handy mitnimmt (kann sie auch gar nicht mehr bedienen). In den letzten Tagen ist sie wieder mehrfach aus dem Gelände des Heims hinausspaziert, aber am Tage und da ist die Rezeption dort besetzt. Daher lief gleich jemand hinterher.... Abends sitzt da aber niemand und die Welt nach draussen ist nur einen Türdrücker entfernt...

      Löschen