Mittwoch, 29. April 2015

Abgetaucht

Die Badesaison steht vor der Tür. In der Zeitung kann man lesen, dass so viele Freibäder wie nie gleichzeitig in Berlin in diesem Sommer öffnen werden. Bestimmt werden wieder Menschen ertrinken. Das passiert jedes Jahr. Aus den unterschiedlichsten Gründen - vom Herzinfarkt im Wasser bis zur schlichten Unfähigkeit zum Schwimmen.

Bei letzterem ist das Geschrei stets groß. Dann geht eine Argumentation los, die sich überwiegend an die Eltern richtet.

"Heutzutage lernen die ja nicht mehr richtig schwimmen! Früher war das ganz anders..."
...

 "... aber die Eltern heute, denen ist das heute ja nicht mehr wichtig."
"Die Kinder wollen sich nicht bewegen, sondern immer nur mit dem Smartphone/Tablet/Playstation spielen. "
"Die Kinder sind Bewegungsmuffel, die Eltern tun nichts dagegen."

Oft wird dann auch noch eine Keule gegen Einwanderer herausgeholt, weil man ja gelegentlich von einer Handvoll Fällen hört, in denen irgendwo in Neukölln/Wedding/Kreuzberg Mädchen vom Schwimmunterricht befreit werden werden. Das mag es alles geben, betrifft aber sicher nicht die Mehrheit.

Aber im Ernst, hat schonmal jemand versucht, einen bezahlbaren, einfachen Schwimmkurs in Berlin zu ergattern? Über unsere Probleme mit dem Seepferdchen habe ich vor 3 Jahren schon hier geschrieben.

In Kurzform: wir haben 2 Jahre in einem Schwimmverein zugebracht, nur damit unsere Tochter endlich das Seepferdchen bekam. Nein, sie ist keine Blei-Ente. Auch die anderen im Kurs bekamen das Abzeichen nicht. Einige waren bereits 9, hatten mehrere Jahre Schwimmen, auch schon das eine Jahr Schulschwimmen, das es heute gibt. Aber irgendwas passte immer nicht....Es ging von:

"Nein, heute nehmen wir keine Seepferdchenprüfung ab."(und nächste Woche auch nicht und die Woche danach auch nicht und schon gar nicht in der Woche danach... und dann ist leider Sommerschließzeit....!)
"Nein, Ihr Kind hat noch nicht die ganz korrekte Schwimmhaltung."
"Wir arbeiten noch an der Ausdauer." 
"Bei uns muss man nicht 25 m, sondern 50 m schwimmen."
"Wir sind ein Verein, es geht um Vereinssport, das Seepferdchen fällt irgendwann nebenbei mal ab."

Blöd nur, dass man das Abzeichen so nebenher manchmal braucht. Meine Tochter sollte es im Vorfeld einer Klassenfahrt in der Grundschule vorlegen. Konnten wir nicht. Entsprechend durfte sie nicht in den See zum Baden. Frustrierend, wenn man schon ewig im Schwimmverein ist.

Sinn der Veranstaltung war (vermute ich heute), die Kinder so lange wie irgendmöglich in dem Verein zu halten. Der Verein war mit 35 Euro im Monat billig, aber nur auf den ersten Blick. Wenn man 2 Jahre fürs Seepferdchen braucht, kommt ein fast vierstelliger Betrag zusammen. Da scheinen private Schwimmschulen im Vergleich geradezu ein Schnäppchen zu sein.

Wir haben damals irgendwann die Mitgliedschaft gekündigt, da sich die Trainingszeiten so geändert hatten, dass wir es nicht mal geschafft hätten, hinzugehen. Dann liess sich ein Trainer auch erweichen und nahm die Prüfung ab. Blöd nur, dass man eigentlich mit dem Seepferdchen allein wenig bis nichts anfangen kann.

Meine Tochter geht neuerdings in die Wassersport-AG der Schule. Was sollte sie mitbringen? Das Bronze-Abzeichen.

Wo nimmt man das denn jetzt her? Das kann man zwar im Schwimmbad einfach abnehmen lassen, aber eigentlich wollte ich, allein schon quasi aus Sicherheitsgründen, dass sie nochmal einen Kurs macht. Der Schwimmverein ist schließlich mittlerweile gut 3 Jahre her. Ich wollte, dass da noch einmal jemand einen Blick drauf hat.

Aber wieder das gleiche... Es gibt es kaum Bronze-Kurse. Die einzigen, die noch vergleichsweise viele Kurse anbieten, sind die Bäderbetriebe. Sogar preisgünstig. Ein Kurs über ca. 3 Monate kostet 42 Euro plus Eintritt ins Bad. Ok. So weit, so gut.

Aber die Buchungen dort sind schwierig. Es geht nicht online, auch nicht telefonisch, sondern nur leibhaftig direkt vor Ort. In dem Bad, in dem man den Kurs machen möchte. Das wäre ja theoretisch auch ok, aber die Realität sieht so aus:

Am 1. Verkaufstag stehen die Leute bereits vor der eigentlichen Öffnungszeit des Bades (also durchaus auch schon um 5 Uhr früh) vor dem Bad. Die meisten wollen Seepferdchenkurse, aber Bronze ist ebenfalls begehrt. Es dauert gut eine bis zwei Stunden, bis man an der Reihe ist und vielleicht etwas ergattert. Wenn man Pech hat, steht leider direkt vor einem jemand, der Plätze für sich und alle seine Freunde kauft und dann guckt man in die Röhre.

Das Personal kann einem auch nicht sagen, in welchem Bad es noch Plätze gibt. Denn das wird nicht am PC verwaltet, sondern anscheinend nur in einem dicken, von Hand beschriebenen, Buch. Sie können auch nicht im nächsten Bad anrufen. Auch selbst kann man nicht anrufen. Also, man kann schon, bekommt aber keine Aussage zum Kurs-Buchungsstand. Man muss zum nächsten Bad fahren und selbst erneut sein Glück versuchen. Wenn dort auch schon morgens viele anderen standen  (während man anderswo stand), guckt man wieder in die Röhre. Man könnte dann zum nächsten Bad fahren...

Die beste Strategie ist vermutlich, wenn sich mehrere Freunde zusammentun und jeder stellt sich am Verkaufstag in einem anderen Bad in die Schlange. Dann könnte es klappen.

Für das kommende Halbjahr haben wir uns nun wieder nicht geschafft einen Bronze-Kurs zu ergattern. In einem Bad in Prenzlauer Berg wurde gesagt, ab 15. April sei Verkaufsstart für die kommende Saison. Also bin ich am 15. April morgens zum Bad in unserer Nähe gefahren und habe gefragt.

Dort reagierte man sehr zurückweisend mit einem:
"Wir sind doch noch mit den Kursen fürs erste Halbjahr beschäftigt, da kommen Sie mir mit dem 2. Halbjahr?! Wir wissen noch gar nicht, wann Verkaufsstart ist! Da müssen Sie immer mal anrufen und nachfragen."

Oha. Auf der Webseite stand auch noch nichts. Da steht es seit gestern, also seit dem 28.April. Prompt war gestern in der Halle in Prenzlauer Berg (in der meine Mutter Stammgast ist) die Hölle los. Sie bekam mit, wie Leute weitergeschickt wurden in andere Bäder und rief mich rasch an, ich soll lostigern zu "unserem Bad".

Dort hieß es nun "Alles ausgebucht. Verkaufsstart war doch schon längst."

WTF?! Wir werden nun, wenn wir privat schwimmen gehen, einen Bademeister um die Abnahme des Abzeichens bitten. Das geht schließlich auch, aber wie gesagt, mir wäre ein Kurs schon lieb gewesen.

Was war es doch früher einfach... Wir hatten nicht nur ein Jahr Schulschwimmen, sondern drei Jahre und am Ende hatte eigentlich jeder zumindest ein silbernes Abzeichen, die meisten eher das goldene. Gekostet hat es nichts und meine Eltern standen nie stundenlang vor irgendwelchen Bäderkassen in Warteschlangen.

Mir graut es davor, dass wir ja für den Kleinen irgendwann auch einen Schwimmkurs brauchen. Vielleicht versuchen wir doch mal eine der privaten Schwimmschulen...

Kommentare:

  1. Atlantikschwimmer29. April 2015 um 12:34

    Ich bin komplett entsetzt.
    Wir (60er) waren massenhaft Kinder.
    Wir haben trotzdem irgendwie, umsonst, in irgendwelchen Kursen, ich denke es waren 3 Abende, Schwimmen gelernt, und dann war's gut.
    OK, Wir hatten dann irgendwann Schulschwimmen, in der 5ten und 6ten.
    Dann war auch wieder gut.
    Unsere / meine Eltern haben Uns aber auch schon mit 6 Jahren einfach unbeaufsichtigt im Schwimmbad ins Becken springen lassen.
    Irgendwie sind Wir nicht ersoffen. Wahnsinn.
    Was ich damit sagen möchte:
    1.) Ist Unsere Gesellschaft nicht mehr fähig, den paar Goofen, die noch geboren werden, das Schwimmen beizubringen ????? Sind Wir hier überfordert ?
    2.) Haben Wir zu viel Angst um die Kinder, die es am Ende ohnehin selber hinkriegen müssen ??

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    1. Vermutlich ist es beides. Schulschwimmen ist heute ohnehin nur noch ein Jahr. Das empfinde ich als zu wenig. Nicht jeder lernt es in drei Tagen. Ich habe im ersten Jahr Schwimmunterricht das reine Schwimmen gelernt (brauchte durchaus Zeit, mich zu überwinden beim Tauchen etc.), erst später habe ich dann Abzeichen gemacht. Heute kann ich natürlich schwimmen, kein Thema, war auch nie eins und ich finde es nervig, dass man da heute solche Probleme hat.
      Angst haben sicher heute viele auch. Mit 6 Jahren allein ins Becken springen, finde ich aber normal. Weiß aber nicht, wie andere Eltern das sehen.

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  2. Wir haben schwimmen gelernt mit Papa im Landwehrkanal am Urbanhafen, zu einer Zeit, als es an der Strecke zwischen Baerwald- und Admiralbrücke noch Fluss-Krebse gab, die wir nach Hause brachten, kochten und zu Margarine-Stullen aßen. Hat nix gekostet und geschmeckt hat es gratis noch dazu ... Heute hat es doch noch viel mehr an sauberen Gewässern in und um Berlin, wo man das lernen kann in Begleitung von ´ner fitten Tante oder Onkel.

    Meine Kleine konnte von Geburt an tauchen und hat das (richtige) Schwimmen mit zwei oder drei Jahren an den seichten Ufern des Lac de la Gileppe in Belgien von mir gelehrt bekommen und nach einem Seepferdchen - oder Schwimmpass hat sie nie gefragt. Sie hätte mir - inzwischen 13 - wahrscheinlich damals schon ´n Vogel gezeigt ...

    Sie hat bis heute einen Heidenspaß dran, den Luftblasen ihrer Unterwasser-Pfürze nach zu kraulen ... :-).

    Wusstet Du, daß Babys von Geburt an bis etwa zum 4. Monat problemlos tauchen können ohne zu ertrinken? Danach verlernen sie diese unbewusste Befähigung und dann hat man später das Problem, ihnen das alles (kostenintensiv?) wieder bei zu bringen

    https://www.youtube.com/watch?v=aF0DVSxdyxU

    Viel Glück



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    1. Dass man früher dort im Landwehrkanal mal schwimmen konnte, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Ich bin mal genau dort Kanu gefahren und im Wasser schwamm alles mögliche vom leeren Geldbeutel über tote Ratten bis einer durchsichtigen Filmdose mit Ectasy (vermutlich, waren rosa Pillen mit Herzchen-Aufdruck).

      Aber stimmt, es gibt einige Gewässer in Berlin, in denen man prima schwimmen kann. Die Große hat das Schwimmen im "Selbstversuch" mit unserer Erklärung nicht gelernt, in der Gruppe fiel ihr das um Längen leichter. Sie wird vermutlich auch nie die große Schwimmerin werden, es begeistert sie nicht, aber sie kann es, taucht gern und springt vom 3m-Brett.

      Und sie braucht tatsächlich die Schwimmabzeichen, um es vorzulegen. Ich selbst muss mein Schwimmabzeichen auch mal vorzeigen... in der Uni! Beim Hochschulsport im Kurs Kanu-Wasserwandern.

      Beim Kleinen sind wir am Üben (wir gehen ja oft ins Schwimmbad), es sieht ganz gut aus, aber richtig schwimmen kann er noch nicht. Ich wäre froh, wenn wir das ohne Kurs hinbekämen.

      Ja, dass Babies tauchen können, wusste ich. Ich habe von beiden Kindern tolle Unterwasserfotos vom Babyschwimmen. Aber sie haben es (obwohl wir immer weitergemacht haben mit dem Schwimmen) irgendwann verlernt.

      Liebe Grüße

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    2. @Amélie: "Und sie braucht tatsächlich die Schwimmabzeichen, um es vorzulegen. Ich selbst muss mein Schwimmabzeichen auch mal vorzeigen... in der Uni! Beim Hochschulsport im Kurs Kanu-Wasserwandern."

      Ach so! Das ist dann ja nachvollziehbar, wenn man das halbsportlich oder so betreiben möchte... Möglich, daß das auch für eventuelle Versicherungsfragen relevant ist.

      Zu meiner/unserer Zeit (Mitte der 60iger) gab es das Seepferdchen und später 1. den "Freischwimmer" , dann 2. den "Fahrtenschwimmer" und schließlich 3. den "Jugendschwimmschein". Gekostet hat das nichts, sondern war inklusive dem Schulschwimmen der Bürgermeister-Herz-Grundschule im Baerwaldbad (über mehrere Jahre). Diese Scheine von meinem Bruder hab ich noch in der Erinnerungskiste rumliegen und eingescannt. Ich hab das nie gemacht ...

      Gute Nacht

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    3. Ja genau, bei meiner Tochter ist es jetzt auch die Wassersport AG, die aus Versicherungsgründen die Bescheinigung sehen möchte.

      In der Uni fand ich es etwas seltsam, aber es werden vermutlich auch Versicherungsgründe sein. Damals dachte ich "Wir sind doch alle groß und wissen, ob wir schwimmen können". Bzw. wenn wir es nicht können und welches Risiko das beim Kanufahren bedeutet.

      Der Freischwimmer ist mittlerweile Bronze, wenn ich es richtig verstanden habe. Bei uns gab es (in den 80ern, im Osten Berlins) kein Seepferdchen, aber dann nach der Wende in der 4. und 6. Klasse die Jugendschwimmabzeichen. Auch einfach im Schwimmunterricht, es war auch inklusive. Heute gibt es nur noch ein Jahr Schulschwimmen, das reicht kaum auch, um mehrere Schwimmabzeichen zu machen.

      Im Baerwaldbad habe ich mal einen Tauchkurs gemacht :-) (für den man komischerweise nicht nachweisen musste, ob man überhaupt schwimmen kann :-))

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    4. "Im Baerwaldbad habe ich mal einen Tauchkurs gemacht :-) (für den man komischerweise nicht nachweisen musste, ob man überhaupt schwimmen kann :-))"

      Zu meiner Zeit gab es dort einen Bademeister, der ein faustgroßes Loch im rechten Oberarm hatte. Kriegsdurchschuss an der Ostfront ...

      Der konnte schwimmen wie Harry *lol*..., daher wundert mich nichts im Baerwaldbad ....

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    5. Oha...der ist jedenfalls nicht mehr da ;-). Der wäre mir ganz sicher aufgefallen ;-))

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    6. Neee...! Mittlerweile ist der alte Haudegen vor paar Jahren gestorben.

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  3. Wir bzw. unsere Nachkommen verändern uns wie die Gesellschaft allg. zu einer nicht mehr überlebensfähigen Masse von Knöpfchendrückern und Touchscreen Betatschern.
    Alles andere wird komplett verlernt, auch die Fähigkeit sich etwas selber beizubringen oder zu lernen.
    Grundlegende Fähigkeiten wie Feuer machen, Nahrung zubereiten oder eben auch Schwimmen. Ganz zu schweigen von Gehen, also Laufen oder selbstständig den Weg zur Schule zu finden. Wenn man mal richtig darüber nachdenkt wird die Liste länger und länger.
    Das Ende ist nahe.

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    1. Ich denke nicht, dass das Ende nahe ist. Das denkt man bei jeder Generation und so schlimm kommt es dann doch nicht.

      Ich kenne niemanden, der sich selbst ganz allein das Schwimmen beigebracht hat. Selbst meine Oma, fast 90, hat es in der Schule gelernt, damals nicht in einem Schwimmbad, sondern im See, aber eben auch nicht im Alleingang.

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