Dienstag, 3. November 2015

Bedenke am Anfang das Ende

Da bin ich wieder... mein Google-Standortverlauf der letzten drei Wochen sieht gut aus... Hannover, Hamburg, Leipzig, Dresden, Erfurt, Mainz, Wiesbaden, Saarbrücken, Luxemburg und noch ein kurzer Schlenker zum Einkaufen nach Frankreich - denn da gibt es einfach die netteren Kindersachen. In Kurzform: wir waren viel unterwegs. Fotos kommen noch.

Hauptgrund für die Fahrt in den Süden war das Aufräumen im Haus der dementen Oma und ihres Mannes. Beide leben schon eine Weile nicht mehr dort, unsere Aufgabe ist es nun, alles zu räumen, das Haus vor dem Verfall zu retten und zu warten.

Das war nun der dritte Anlauf, diesmal waren erstmals die Kinder und ich mit. Bisher war es mir, offen gesagt, mit den Kindern schlicht zu stressig. 650 km Fahrt, ein Ort, in dem das maximal spannendste ein Kleinkindspielplatz ist und wo man selbst zum Einkaufen mit dem Auto fahren muss. Wo es einfach nichts gibt. Außer einem Steinbruch. Da bekomme ich immer einen Koller.

Wir haben tagelang geräumt. Bis alle Kleidercontainer im Ort gefüllt waren. Das wurde bei den vorherigen Aufräum-Aktionen auch schon geschafft. Dann ist immer Schluss. Erstmal. Der Grund für die Massen: Es wurde Kleidung mehrerer Generationen aufbewahrt. Vermutlich wurde bei Auflösungen von Haushalten nach dem Tod einiger Vorfahren einfach alles mitgenommen ("zu gut zum Wegwerfen...") , in den Schrank gehängt oder in Umzugskartons im Keller säuberlich gestapelt. Für den Tag X, an dem man genau diese Unterhose (!) der seit 41 Jahren verstorbenen Tante Trude benötigt.

Wir haben gleich mehrere Hometrainer einem ungarischen Schrotthändler mitgegeben, der uns im Ort begegnete. Leider war ihm die 40 Jahre alte (!) Waschmaschine, die immerhin noch immer läuft (!!), zu alt. Schade. Mein Sohn hätte es zu lustig gefunden, wenn dieses Monstrum die Treppen hinuntergepoltert worden wäre.

Ich habe den Garten,  der inzwischen eher ein Dschungel ist, versucht zu zähmen. Die Kinder haben Moos von Steinen gekratzt. Eine Machete für den Garten wäre hilfreich gewesen. Ich habe gestaunt, wie schnell  etwas so zuwachsen kann (und wie viel wir dann wohl doch in unserem eigenen Garten schaffen...mir kommt es immer vor, als würde ich da wenig machen. bzw. da ginge mit mehr Motivation sicher mehr..).
Dabei wurde der Dschungel vor einigen, wenigen Jahren als pflegeleichter Garten von einer Firma angelegt. Ich fand auch beim Herausrupfen ganzer Bäume jede Menge Unkraut-Vlies und Rindenmulch. Aber wie man sieht: fällt Unkrautsamen auf Rindenmulch samt Vlies - wächst es trotzdem. Ich vermute, im Sommer wird es ein Löwenzahnparadies sein. Ich habe selten solche Prachtexemplare gesehen.

Und ich habe mir einen Schrank nach dem anderen vorgenommen. Mir ist bewusst geworden, was passiert, wenn man viel Platz hat und daher nichts wegwirft. Und immer mal etwas kauft, das alte aber nicht wegtut, weil es ja noch gut ist, teuer war oder was auch immer. Das kennt sicher fast jeder. Bei jedem ist es nur unterschiedlich ausgeprägt, ab wann der Moment kommt, an dem man Dinge aus dem eigenen Reich auch wieder entfernt.


Vorläufiges Ergebnis des Sichtens vieler Bücherschränke, in denen die Werke teilweise in 2 Reihen standen: die Garage ist nun voller Papierkram. Viele lustige Sachbücher aus den 70ern. Ich fühlte mich wie bei einer Zeitreise beim Sichten.  Die Stapel werden bald von Nachbarn abgeholt, sie bringen es zum Papierankauf, das Geld geht an den örtlichen Sportverein.
Vermutlich hatte sich so viel angesammlt, weil es ja immer heißt, dass man Bücher nicht wegwerfen darf. Ich bin mit diesem Spruch auch aufgewachsen. Bis ich für mich beschlossen habe: Bücher sind auch nur Papier. Ich bringe sie zwar nach wie vor lieber in öffentliche Bücherschränke oder spende sie an Vereine wie Sinnwerke, aber Bücher wie "Windows 98" oder "Hilf dir selbst - und repariere dein 70er Jahre-Auto" dürfen ins Altpapier.

Es gibt im Haus drei voll eingerichtete Küchen, Haushaltsuntensilien mit denen man ganze Großfamilien versorgen könnte. Ich vermute, da wurde immer, wenn jemand in der Familie seinen Haushalt auflöste, alles mitgenommen. War ja noch Platz da. So etwas passiert bei ganz vielen Leuten, ich bin früher in diese Falle auch durchaus getappt.
Das viele Zeug wird beim nächsten Aufräumen wohl gespendet. Diesmal habe ich es nicht geschafft, da ich so rasch keinen Ansprechpartner fand, wo ich das am sinnvollsten abgeben kann (Flüchtlinge? Sozialkaufhaus? Oxfam?). Zum Wegwarfen war das alles in der Tat zu schade.

Ich habe mit einem Wäschekorb in der Hand das Haus nach Pflegeprodukten durchforstet. Am Ende waren zwei Wäschekörbe nötig. Warum in jedem Zimmer Cremes, Seifen und Lotionen standen, ist mir schleierhaft. Warum man 8 Kosmetiktaschen hat, die alle gefüllt sind, erschließt sich mir nicht.Aber mir wurde versichert, dass die meisten Frauen solche Täschchen in mehrfacher Ausführung besitzen.

Ich habe mich stundenlang durch Papierstapel gewühlt. Gelesene Zeitschriften gemischt mit wichtigen Unterlagen, Familienfotos und alten Liebesbriefen. Die waren süß, sehr romantisch und Zeichen einer tollen Beziehung. Aber ich wollte die nicht lesen. Sicher wollten die beiden Verfasser ebenso nicht, dass es jemand liest.

Das Ausmisten hat einerseits Spaß gemacht. Für einen Moment dachte ich, dass es bestimmt spannend ist, so etwas beruflich zu machen. Aber es andererseits ist es auch deprimierend. Man räumt so quasi das Leben von jemanden weg. Und weiß, dass es mit den eigenen Sachen eines (hoffentlich fernen) Tages auch so geschehen wird. 

Als ich im Keller drei voll eingerichtete Räume fand, darunter ein Kleiderschrank mit unsortierem Papierkram und Unterlagen, habe ich vorläufig die Segel gestrichen. Der Koller war zu groß, die Ferien fast vorbei, Berlin rief laut nach uns.


Zu Hause wurde erstmal hier mal wieder aufgeräumt. Selbst meine Tochter trennte sich von viel Zeug, das sie nicht mehr benötigt.

Meine Mutter rief mich vorgestern an... "Rate mal, was ich eben gemacht habe... ich habe vier Ordner mit Liebesbriefen entsorgt. Ich will ja nicht, dass Ihr die mal eines Tages lest." ;-)



Kommentare:

  1. Kann alles gut nachempfinden- es war bei uns auch so! Inzwischen haben wir reduziert, nehmen höchstens ein kleines Andenken(Foto, Vase...) des Menschen mit. Briefe nimmt übringens gerne das Briefarchiv in Emmendingen, die freuen sich! Auch Walter Kempowski hatte eine grosse Sammlung- ob es sie noch gibt?

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    1. Es gibt ein Briefarchiv? Das ist ja interessant. Danach werde ich mal googlen.

      Und ich denke auch, es ist sinnvoller, ein Andenken von jemandem zu haben und nicht die gesamte Garderobe. Als ich einen Karton mit Unterwäsche von einer Vorfahrin (gestorben 1971!) hervorzauberte, dachte ich, es hackt.

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