Mittwoch, 25. November 2015

Wo die Helikopter kreisen...

Vor kurzem war ich in der Schule meiner Tochter zur Elternversammlung. Letztes Jahr habe ich meinen Mann hingeschickt zu den Versammlungen in der Klasse. Solche Versammlungen lösen bei mir akute Fluchtgedanken aus, ich möchte dann nur ganz ganz schnell raus und weit weg. Ich fühle mich dort immer unwohl. Dieses Jahr habe ich meinen Mut zusammengenommen und bin hingegangen.

Zu meiner Freude war der Platz in der hinteren Ecke noch frei. Ein Klassenraum wie man ihn von früher kennt. Andere Schule, gleicher Raum. Der Platz in der Ecke ist perfekt. Weit weg vom Geschehen  und man hat alles im Blick.

Ich war früh da und konnte so sehen, wie die Helikoptereltern einschwebten. Viele sogar direkt im Doppelpack, Mutter und Vater. Vermutlich um bloss nichts zu verpassen. Oder deutlich zu zeigen "Also, wir sind nicht alleinerziehend."

Ich stellte schnell fest, dass ich mich falsch angezogen hatte. In Jeans und Shirt war ich definitiv deutlich zu lässig für diesen Anlass angezogen. Man erschien hier im Kleidchen oder im Kostüm. Und bloss nicht die Perlohrringe vergessen! Ein fetter goldener Gürtel mit Schmetterling, wie ihn meine Grundschulehrerin trug, wurde ebenfalls gesichtet.
Es fiel auch auf, dass ich den Altersdurchschnitt drastisch gesenkt habe, dabei habe ich meine Tochter nicht im Teeniealter bekommen. Vom Alter her waren mir die beiden Klassenlehrer noch am nächsten. Vom Outfit her ebenfalls.

Und dann ging es los... Es ging um das "Grundrecht auf Mittagessen", da die Pause wegen neuer Zusatzangebote verkürzt wurde und es nun wohl zum Ansturm kommt, der anders organisiert werden muss.

Um die Klassenfahrt ("Soll ein Elternteil mit eigenem Auto die Koffer hinterherfahren, damit die Kinder die Koffer nicht tragen müssen, wenn sie mit der Bahn zur Klassenfahrt fahren... reicht ein Auto....? Müssen eventuell mehrere Eltern mit mehreren Transportern fahren? Vielleicht doch lieber gleich ein Bus? Aber wir wollten doch Bahn fahren...").
Vielleicht wäre das Kofferproblem ja gar nicht so ein großes, würden nicht nahezu alle Eltern dazu neigen, ihren Kindern auch für nur 3 Tage regelrechte Schrankkoffer mitzugeben? Das war bei uns schon bei der Kita-Fahrt (!!) so. Ein Phänomen, das ist nie verstehen werde. Bei der letzten Klassenfahrt wurden wir um Tipps gebeten, wie man es denn schafft, alles in dem winzigen Kinderkoffer unterzubringen, mit dem wir anrollten.

Danach ging es weiter mit mehr oder weniger sinnfreien Diskussionen... Könnte man nicht noch mehr Bücher in noch kürzerer Zeit in Deutsch lesen (das aktuelle Buch mit 300 Seiten, zu lesen in 8 Tagen, war manchen Eltern zu wenig).  Passen noch mehr AGs irgendwie in den Tag? Könnte nicht in der Mittagspause, für alle, die eh nicht essen, die Musikschule noch irgendein Angebot reinquetschen? Aber was ist dann mit denen, die essen und musizieren wollen? Dann müsste man die Pause stark verlängern. Aber dann wird die Pause für die, die weder Essen noch musizieren seeeeehr lang und dann schaffen sie es am Nachmittag nicht mehr zum Sportverein....Dann könnte man den Sportverein ja vielleicht auch in den Schultag einbauen... wenn die aus der Umgebung sind, könnten die doch ihr Angebot direkt in der Schule anbieten, dann schafft man mehr in weniger Zeit...

Ich frage mich ja immer, wo dieser "Förderwahn" hinführen soll. Sicher, Sportvereine sind wichtig, Musikschulen haben ihre Daseinsberechtigung, meine Tochter ist auch in einem Sportverein und einer AG, aber damit sind maximal 2 Nachmittage pro Woche "ausgebucht". Es muss doch noch Zeit zum Chillen geben. Zum Freundetreffen. Für Hobbies ohne irgendwelche Vereine/AGs etc.. Aber mir wurde gesagt, mit der Einstellung sei ich ja "voll 80er... "
Also lieber immer noch mehr? Wo führt das hin? Zum Burnout? Zum kompletten Austicken in der Pubertät? Oder soll das wirklich dem Fördern jedes eventuell vorhandenen Talentes dienen? Wir sind doch früher auch nicht von Veranstaltung zur Veranstaltung gehechtet. Damals, in den 80er und 90ern...


Während der Versammlung gingen zum Abgleich der Kontaktdaten die Auszüge aus der Schulakte durch den Raum. Mit Name, Anschrift, Telefonnummern, Fotos der Kinder und Angaben zum Beruf der Eltern. Datenschutz? Ich frage mich, warum die Angabe des Berufes immer gefordert wird. Selbst bei der Einschulungsuntersuchung beim Amt wurde das abgefragt. Nur warum? Was hat mein Abschluss mit meinem Kind zu tun? Es wird ja sicher nicht zusätzliche Förderung erhalten, wenn man ankreuzt, man sei Schulabbrecher, ungelernt und arbeitslos... Oder angenommen, man schreibt hin, man habe Informatik studiert, wird man dann angerufen, wenn die Schulwebseite klemmt? Eher nicht... Also, wozu die Angabe? Für die Schublade?

Dadurch dass diese Zettel durchgereicht wurden, konnte jeder alles lesen. Fazit: alle haben studiert (oder dies zumindest so angegeben...?), ich habe den exotischsten Abschluss und sogar der Prof einer Freundin von mir  ist unter den Eltern der Klasse. Die Welt ist gruselig klein.

Bald ist Weihnachtsfeier in der Schule, es sollen alle Eltern erscheinen...Ich sollte mein Outfit überdenken...

Kommentare:

  1. Wunderbar beschrieben, wir kennen die Schule, unsere ist zwar 700 km weg, aber es läuft genauso! Was wird aus diesen Kindern werden, wenn die Eltern nicht dabei sind, später? Können die noch Ausdauer zeigen bei unangenehmen Dingen, oder Geduld, wenn sie fremden Herausforderungen vor sich haben? Die Decke der Zivilisation ist dünn bei manchen Menschen, auch mit Studium...

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    1. Vermutlich läuft es vielerorts so. Man fühlt sich ja schon, als würde man seine Kinder vernachlässigen, wenn man sie nicht jeden Nachmittag irgendwo zu sinnvoller Freizeitbeschäftigung karrt. oder wenn man ihnen nicht alles abnimmt (den Koffer zur Klassenfahrt hinterherfährt!!... Allein den Gedanken fand ich bereits absurd. Wann soll das aufhören? Im Studium? Nach dem Studium? Aber es stimmt, es gibt Leute, die rufen dann noch mit 30 bei jedem winzigen Problem ihre Eltern an, vermutlich, weil sie das so kennen.

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  2. Danke für diesen Text.
    Die Kinder einer Freundin von mir werden auch seit dem Babyalter rund um die Uhr in irgend etwas "gefördert", man könnte meinen, sie seien schwer behindert und ohne die ganze Förderung nicht in der Lage, ein halbwegs normales Leben zu führen.
    Ich warte auf den Tag, wo die beiden in die Pubertät kommen und es wagen, aus diesem Rundum-Programm auszusteigen...

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    1. Genau, viele Eltern bedenken nicht, dass viele Förderprogramme eigentlich wirklich für behinderte Kinder sind. Ich kenne sogar Leute, die absolut gesunde Kinder zu Ergotherapie und ähnlichen Veranstaltungen bringen (und wütend sind, wenn der Kinderarzt die Verschreibungen dafür verweigert), so nach dem Motto "Wir wollen da auch hin, es kann ja nicht schaden!"...
      Ich denke auch, dass der Tag kommt, an dem Kinder aus diesem gruseligen Dauerprogramm aussteigen. In der Klasse meiner Tochter steigen derzeit die ersten aus...

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  3. Re: Datenschutz...bei uns läuft es da genau andersrum, da wird es mit dem Datenschutz mMn übertrieben..

    So kann zB keine Klassenliste mit Telefonnummer mehr erstellt werden, ohne daß jedes betroffene Elternhaus eine großartige Datenfreigabe hierfür abgibt...

    Meine Frau arbeitet in einer KiTa, da dürfen keine Bilder der Kinder mit deren Namen aufgehängt werden..alles wegen "Datenschutz"...

    Und wenn dann noch Tag der offenen Tür ist, und es werden Fotos gemacht, die zusätlich noch auf der Webseite veröffentlicht werden sollen, dann wirds ganz interessant....

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    1. Ja, das ist meiner Meinung auch übertrieben. In der Grundschule meiner Tochter war das auch so. Man musste immer Fotoerlaubnis-Schreiben abgeben, Telefonlisten durfte es aus Datenschutzgründen nicht geben. In der Kita läuft es besser...es gibt eine Liste mit Namen und Telefonnummern, es wurde mal gefragt, ob die Herumgabe unter den Eltern ok ist. Fotos werden aufgehängt, aber nicht einfach auf die Webseite gestellt.

      Bei der Oberschule meiner Tochter verstehe ich nicht, wieso Daten wie der Beruf der Eltern erhoben werden (kann ja nur dem Einsortieren in Schubladen dienen)und dann noch geteilt werden.

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  4. Was für eine grauenvolle Veranstaltung! Manche Eltern haben echt nicht alle Tassen im Schrank! Da lobe ich mir die Gesamtschule meiner Kinder. Dort geht es an solchen Abenden um reale Probleme und die Schule ist sdo organisiert, dass die Kinder nach der Schule fast immer wirklich frei haben. Das schont die Nerven und sorgt für ein meist angenehmes Familienklima.

    Ist ist jedenfalls vollkommen idiotisch, den Kindern einen Tagesplan wie ein/e Manager/in aufzubürden. Lass dich also nicht beirren.

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    1. Sehr beruhigend, auch mal solche Stimmen zu hören. Denn manchmal zweifele ich schon an mir, wenn mir mal wieder jemand sagt, ich sei voll 80er, wenn ich sage, dass ich Dinge wie Freizeit wichtig finde.

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