Samstag, 19. Dezember 2015

Das schwarze Kleidungsloch

Aus dem Alltagswahnsinn mit dementen Angehörigen... heute mal nicht "Das Weglaufen bei 2 Grad in der Nacht nur im T-Shirt", sondern "das mysteriöse Verschwinden von Kleidung"...

Gestern habe ich einen Großeinkauf gemacht. Mal wieder. Bei Woolworth. Alles, was billig war und die passende Größe hatte, trotzdem einigermaßen annehmbar aussah und wenigstens keine Schlangenleder-Optik hatte, wanderte in die Tüte. Nein, ich bin nicht verrückt geworden und kaufe auch nicht für eine Faschingsgroßveranstaltung ein, sondern zum x-ten Mal für die demente Oma. Ihre Kleidung verschwindet ständig wie von Zauberhand.

Angereist ist sie vor zwei Jahren mit fünf Umzugskisten Kleidung. Wir haben weitere sechs Kisten später noch hinterher gebracht, sie hatte ja ihr Leben lang Kleidung angesammelt. So als habe sie geahnt, dass sie am Ende einen enormen Kleidungsverschleiss hätte...
Und alles, was annehmbar war und passte, haben wir mitgebracht. Mit dem Rest liessen sich immer noch ca. 10 Altkleidercontainer (!) bis zum Anschlag füllen...Sie hatte Kleidung mehrerer Generationen von Vorfahren fein säuberlich in zig Schränke einsortiert.

Die Kleidung verschwindet aber leider wie in einem schwarzen Loch. Eigentlich werden Etiketten mit Name und Barcode eingenäht. Für die Wäscherei. Diese Etiketten sind auch drin. Ich bügele in neue Kleidung mittlerweile auch nochmals Etiketten mit Namen ein. Doppelt könnte ja besser halten. Tut es aber nicht.

Jedes Mal, wenn wir zu Besuch kommen, kommt garantiert eine Pflegerin auf uns zu mit den Worten "Könnten Sie Kleidung besorgen? Sie hat gaaaaar nichts mehr, schauen Sie mal in den Schrank."
Und ja, es stimmt. Da liegt, mit Glück, noch ein einzelner einsamer BH, 2-3 Unterhosen und vielleicht noch eine Hose. Und lauter Oberteile, die wir nie gesehen haben. Derzeit trägt sie seit mindestens einer Woche ein Holzfällerhemd, das sie garantiert nie besessen hat.

Auf meine Frage, was denn passiert ist, lautet die Antwort stets "Weiß nicht, ich hatte gerade frei/einige Tage keinen Dienst/die andere Schicht hat mir das so weitergesagt". Hm. Am Heim liegt es vermutlich auch tatsächlich nicht, denn der Opa lebt dort auch, allerdings im betreuten Wohnen mit abschließbaren "Einzel-Miniwohnungen" und mit Nachbarn, die alle nur alt, aber nicht dement sind. Und da ist noch nicht ein Teil weggekommen.

Aber bei der Oma ist stets alles weg. Dafür liegt im Zimmer auch öfter mal etwas, was sie noch nie besessen hat. Mal Zeitschriften oder Bücher, mal Kleidung. Zu 90% ist das Zimmer aber gähnend leer. Alles weg. Deko, Kleidung, Fotos, selbst kleine Möbelstücke...Wenn sie irgendwann stirbt, reicht eine Plastiktüte, um das Zimmer zu räumen.

Wenn man etwas energischer fragt, wo die Sachen sind, kommt meist die (durchaus glaubwürdige) Antwort, dass die Bewohner alle nicht wissen, welches ihr Zimmer ist und dadurch kommt es zum fröhlichen Tauschen. Und manch einer räumt dann halt auch mal dem Nachbarn das Zimmer leer. Das tun sie alle, das macht unsere Oma auch nicht anders. Sie begrüßte mich einmal mit den Worten "schau, ich war einkaufen!" und hatte die Pflegemittel der gesamten Station in ihr Zimmer geschleppt.
Gut, dass überall Namen draufstanden.

Manches Stück fällt wohl auch der Schere zum Opfer.  Letzten Sommer wurden sämtliche Unterhosen halbiert. WTF?! Ich frage mich, wieso die Bewohner dieses Bereichs Zugriff auf Scheren haben? Man könnte ja mit einer Schere noch viel mehr anrichten -  vom Haareschneiden (das wäre noch witzig...)  bis hin zu Verletzungen.


Früher dachte ich, Demenz heißt, dass die Leute dann ungewöhnlich stark vergesslich werden. Auch mal den Weg nach Hause nicht finden, wie damals die Nachbarin, die wir ab und an nach Hause brachten. Ok, Geschichten von Leuten, die über Zäune im Nachthemd stiegen statt durch die Gartentür zu gehen, habe ich auch schon gehört. Auch die Geschichte vom verhungerten Nachbarn, der einfach das viele Essen, das ihm viele aus der Nachbarschaft brachten, nicht essen wollte, weil er dachte, es sei vergiftet.

Aber ich hätte nicht gedacht, dass man für demente Angehörige im Heim permanent einkaufen gehen muss. Ich frage mich auch, warum die Sachen vom fröhlichen Kleidertausch dank Barcode nicht irgendwann mal zurückkommen. Oder warum immer gleich ALLES weg ist. Ein Rätsel, das ich wohl nicht mehr ergründen werde...

Kommentare:

  1. Das passierte bei unserer Tante und einen Freund genauso! Irgendwann fanden wir uns damit ab, dass unsere Angehörige/Freund irgendetwas an hatte, akzeptierten den Verlust schöner Dinge. Sie selbst bemerkten es nicht, wir waren nicht mehr bereit, den Empfehlungen des Personals folgend neue Kleidung zu kaufen. Wir sagten, 20 Nachthemden reichen,... Einzig ein Teil des Gebisses, da blieben wir hartnäckig, und siehe, es fand sich!

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    1. Und Ihr habt dann einfach nichts mehr gekauft und es ging trotzdem? Irgendwas hat sie immer an, vermutlich fröhlich getauscht, aber wenn das Personal immer ankommt und sagt "da ist wieder nichts im Schrank", packt uns immer das schlechte Gewissen. Aber eigentlich denke ich auch, wir haben mehr als genug Zeug angeschleppt.
      Gebiss ist erstaunlicherweise immer noch drin (wird aber nie geputzt, weil sie den Mund nicht öffnet...ich find das so eklig, aber sie hat panische Angst vorm Zähneputzen), dafür sind Dinge wie Ehering etc. natürlich spurlos verschwunden seit ewigen Zeiten.

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    2. Ja, es ging trotzdem, sie war nie nackt, aber auch nie mehr gut gekleidet. War aber nicht wichtig, weil sie es nicht störte. Das Personal hat keine Zeit, sich um persönliche Kleidung etc. zu kümmern. Wir fanden das bei den Kosten unglaublich, wollten uns aber nicht mehr über solche Dinge ärgern.
      Sagt einfach auch, Ihr habt genug Kleidung geliefert, es ist nicht euer Problem. Wir hatten für Tante bei Ausflügen Jacke und Decke über die Beine(im Rollstuhl) immer mitgebracht und wieder mitgeholt. Zuwendung ist wichtig, manchmal helle Momente oder ein Stück Schokolade, dann geht auch das Holzfällerhemd! Es ist schwer, jemanden so abbauen zu sehen, aber wohl in diesem Stadium nur für uns.

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    3. Nachtrag, falls Du nicht beim Personal einen schlechten Eindruck machen willst: Wir kauften gebrauchte Kleidung im Second Hand, da gab es für 10 Euro viel! Später ließen wir auch das...

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    4. Ja, stimmt, ich denke auch, in dem Stadium ist es "nur" noch für uns als Außenstehende schwer, das Abbauen zu sehen. Mir kommt es vor wie ein Abschied auf Raten, manchmal habe ich den Eindruck, sie weilt schon längst nicht mehr unter uns, da ist nur noch die Hülle.
      Am schwierigsten ist es für den Ehemann der Oma. Er ist geistig absolut klar, sie sind seit über 60 Jahren verheiratet und waren immer sehr aufeinander fixiert. Er schleppt sie mit zu jedem Ausflug etc. und hält sich an jedem kleinen "lichten Moment" fest.

      Ja, bei den Kosten, die fürs Heim anfallen, finde ich auch unglaublich, was alles nicht geleistet werden kann (daran ist das unterbezahlte, viel zu wenige Personal ja auch nicht Schuld, ich verstehe dennoch nicht, warum man da mehr Geld lässt, als wenn man seine Oma einfach auf Kreuzfahrt schicken würde und dann nicht mal Basics wie "Aufpassen auf Kleidung" oder das Verhindern von Weglaufen "drin" sind...oder wenn sie beim Kaffeetrinken am Nachmittag zwischen einem Keks oder einer Banane wählen darf..).

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  2. Über Second Hand habe ich auch nachgedacht. Es gibt auch Ebay Pakete, die in der (recht großen) Größe sogar oma-tauglich aussehen (ich kann sie ja unmöglich in so Hipster-Fummeln durchs Altenheim wandeln lassen... ich habe dort mal eine alte Frau gesehen, die einen ausgestellten Tüllrock und ein T-Shirt von den Sex Pistols trug (!!!) und ich überlegte, ob die sich das so ausgesucht und eine Art Rebellen-Oma ist (sie raste auch sehr rasant durch die Gänge) oder ob sie halt Kleidung geschenkt bekommen hat...

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  3. Ich habe das gleiche mit meinem Vater erlebt. Wir hatten plötzlich Hemden, die wir nie gekauft hatten, eine Jogginghose, die ihm mindestens 20cm zu kurz war und eine große Zahl eigenartiger Unterhemden. Dafür fehlte ein Gehstock, ein Rollator und später auch mal sein notwendiger Rollstuhl. Bei letzterem stellte sich dann allerdings heraus, dass der Krankentransportdienst das gute Stück bei der Dialyse vergessen hatte. Ich frage mich bis heute, ob er in sein Zimmer levitiert ist.

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    1. Oha, also ein verschwundener Rollator ist auch nicht schlecht :-/ Aber es ist beruhigend, dass es anscheinend vielen so ergeht. Ich habe langsam an uns gezweifelt, wie es sein kann, dass immer alles sofort "Beine bekommt".
      Aber wie vergisst man denn einen Rollstuhl? Denn geschwebt sein kann er ja nicht...

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    2. Sie haben ihn wohl in ihrem Dienstrollstuhl transportiert... Ich bin trotzdem aus allen Wolken gefallen. Geldbeutel und Brille fanden sich auch schon sonstwo. Den Gehstock habe ich nicht einmal beim Ausräumen aller Dinge aus dem Heim wieder gefunden.

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    3. Ich bin mir sicher, wir werden irgendwann beim Ausräumen auch nichts wiederfinden. In ihrem Fall sind Hörgerät (teuer!) udn Ehering seit mittlerweile über einem Jahr spurlos verschwunden, genau wie eben kistenweise Kleidung, Bilderrahmen mit Fotos, Teddybär, Handtasche, sämtliche Schuhe (bis auf die, die sie immer trägt), kleines Regal, Wanduhr...ALLES weg.

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  4. Mein Vater lag zum Schluss in Isolation aufgrund dreier multiresistenter Krankenhauskeime. Als ich das Zimmer räumen sollte, wollte ich viele der kontaminierten Sachen überhaupt nicht haben. Die Damen haben mir Vieles ohne Desinfektion in Stofftaschen gestopft. Was soll ich denn damit machen?

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    1. Oh, da man derart kontaminierte Sachen ja auch nicht in den Hausmüll werfen kann (oder gar in die Kleidertonne) hätte ich es vermutlich direkt im Recyclinghof abgegeben.

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  5. Bei meiner Oma war es ähnlich.
    Ich war mir nie sicher, ob nicht vielleicht doch mal jemand vom Personal zugegriffen hat ... Demenzkranke können sich ja nicht wehren.
    Und wenn es wirklich nur die anderen Heimbewohner wären, die die Sachen wegnehmen, müssten sie ja irgendwo wieder auftauchen.

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    1. Ja, das verstehe ich auch nicht. Denn wenn andere Bewohner etwas nehmen, muss das Zeug spätestens nach der nächsten Waschrunde ja wieder da sein.
      Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand Oma-Kleidung klaut, so modisch ist die ja eigentlich nicht.

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