Freitag, 29. Januar 2016

Kontrolle oder Privatsphäre?

Diese Woche gab es einen Elternstammtisch. Eigentlich wollte ich nicht hingehen. Ich sah vor meinem geistigen Augen schon die ganzen Helikopter einschweben. Aber ich wollte auch nichts verpassen, es hätte ja wichtige Themen geben können. Also bin ich hingegangen.

Erster Eindruck: ein Treffen mit mehr als 20 Leuten in einem extrem hellhörigen Restaurant ist so als "Unterhaltungsrunde" echt ungünstig. Die erste halbe Stunde hatte ich den Eindruck, ich könnte auch gleich wieder gehen, ich verstehe eh nix. Also trank ich meine Fanta und versuchte zu erahnen, um was es geht.

Irgendwann ging es um... WhatsApp. Klar, theoretisch dürften die Kinder, da sie unter 16 sind, es gar nicht nutzen. Tun sie aber fast alle und sie haben einen Klassenchat. Wie vermutlich viele andere Klassen in dieser Republik auch. Und da sind nahezu alle drin. Oder anders gesagt, hat man kein WhatsApp, ist man so ein wenig außen vor.

Eine Mutter fragte in die Runde:
"Und, lest Ihr da mit? Kontrolliert Ihr das?"
Und es kam aus allen Ecken: "Ja, natürlich!".

Oh.

  • Mein erster Gedanke: "Ok, fein, wenn das die anderen machen (und somit dafür sorgen, dass es da nicht zu wüst zugeht), muss ich das ja nicht machen."
  • Der nächste Gedanke: "Vernachlässige ich mein Kind, wenn ich das nicht kontrolliere?"
  • Und der übernächste: "Was hätte ich dazu gesagt, wenn meine Eltern früher die Zettelchen, die man sich so schrieb, gelesen hätten? Haben die Eltern meiner Freunde die Briefe gelesen? Wo sind die damals eigentlich immer hinverschwunden? Hätte man das nicht schreddern müssen?"
  • Und noch ein Gedanke: "Nutzt Kontrolle bei WhatsApp etwas? Man kann doch einzelne Nachrichten löschen. Und die Kids wissen das besser als die meisten Erwachsenen, wie das alles geht..."

 Meine Tochter hat mir schon so manche Funktion im Handy gezeigt, von denen weder ich noch mein Freundeskreis wusste und wir sind eigentlich alle keine Neulinge in Punkto Smartphone-Nutzung...

Tja, ich weiß es nicht. Zu dem Thema Kontrolle diskutieren viele Eltern, mit denen ich so zu tun habe. Zu 95% höre ich, dass die Handys kontrolliert werden. Ich gestehe, bislang tue ich das nicht. Ich käme mir vor, als würde ich Tagebuch lesen. Oder an der Tür lauschen, wenn sie mit Freundinnen telefoniert. Oder ihr heimlich folgen, wenn sie verabredet ist. Kurz: nicht vertrauen.

Ich habe meiner Tochter, als sie ein Telefon samt WhatsApp bekam, erklärt, was alles geht und was nicht. Dass man bitte keine Fotos von sich, nicht mal das langweiligste Selfie, einstellt, weil immer jemand eine bescheuerte Fotomontage daraus machen kann. Dass man bloß niemals nie gar irgendwelche peinlichen Bilder verschickt. Auch keine Videos. Dass man nix teilt, egal, woher man es hat. Keine Links anklicken. Vor der Installation von Spielen und Apps bitte fragen. Nicht lästern, das gehört sich nicht und man setzt sich in die Nesseln, wenn es auch noch groß und breit für immer im Chat steht oder jemand einen Screenshot gemacht hat, bevor man es löschte. Dass alles nachverfolgbar ist und gespeichert wird. Dass sie mir sagen soll, wenn andere Dinge teilen oder schreiben, die ihr komisch vorkommen.

Dass etwas komisches passierte in diesem Chat, kam bisher nur einmal vor. Da kam es zu einer noch relativ harmlosen Geschichte in der Klasse, ein Zwist zwischen zwei Jungs und als dann die Fetzen im Chat flogen, wurde mir das brühwarm erzählt.Weil es einfach spannend war. Mein Kind sah aus, als verfolge sie ein Fußballspiel, als sie mit Telefon in der Hand live mitlas.

Ab und an sehe ich auch so mal, was in diesem Chat geschrieben wird - wenn ich nachts das Telefon vom Ladekabel trenne, sehe ich, was abends noch an Nachrichten reinkam und auf dem Startbildschirm angezeigt wird. Das sieht man dann halt. Und das sind dann so unglaublich wichtige Dinge wie: "Was haben wir in Mathe auf?", "Schreiben wir einen Test in Musik?" oder "Gute N8 @ all"...Oder Nachrichten, bei denen jeder Buchstabe einzeln abgeschickt wird. Manchen muss langweilig sein.

Tja... aber dann kommen die Gedanken... was, wenn etwas ganz schlimmes ist und ich merke es nicht? Also doch besser kontrollieren, nur für den Fall der Fälle?

Aber wenn ich mir dann vorstelle, meine Eltern hätten früher so etwas getan - gechattet hat man ja damals schon, einen Verlauf am PC gab es auch und ich bin mir absolut sicher, meine Eltern haben das alles nie gelesen. Bei uns wurden auch nie Briefe von jemand anders geöffnet, als vom dem, an den er adressiert war. Und es wurden nie Handys kontrolliert - SMS gab es "damals" ja auch schon. Hätte man lesen können, theoretisch.
Ich finde, Privatsphäre ist meiner Ansicht nach wichtig und Kontrolle nur bei begründeten Verdacht gerechtfertigt.

Aber der Restzweifel bleibt...wenn es doch anscheinend alle tun und man den Eindruck hat, die Welt ist so hochgefährlich, dass Kontrolle nötig ist. Schwierig.

Kommentare:

  1. nur weil es alle tun, ist es nicht richtig
    und mind. die hälfte hat gelogen

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    1. Ja, das vermute ich auch.... dass da so mancher einfach nachplappert "aber natürlich kontrolliere ich auch". So wie ich mich, ehrlich gesagt, nicht getraut habe, offen zu sagen "nein, kontrolliere ich nicht", aus Angst, dass dann ein "Oh Gott, weiß du was alles passieren kann!!!" auf mich herunterprasselt.

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  2. Ich kontrolliere auch nicht, meine Warnhinweise an den Sohn waren so ähnlich wie deine. Irgendwie habe ich aus meiner Jugend noch die Erinnerung, dass es Bereiche geben muss, zu denen die Eltern keinen Zutritt haben, schont auf beiden Seiten Nerven.
    Wenn man konkret Anlass zur Sorge hätte, wäre es wohl anders (aber auch dann: Kontrolle würde dann erst recht nichts bringen).

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    1. Ja, ich denke auch, dass man einfach nicht alles wissen muss und auch nie alles wissen wird. Ich habe oft den Eindruck, viele Eltern wissen nicht mehr, dass sie in ihrer eigenen Jugend auch nicht hätten kontrolliert werden wollen... Aber auf dem Elternstammtisch meinte eine Mutter auch tatsächlich zu mir "Waaaas? Du erinnerst dich an deine Pubertät?!"...

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