Montag, 2. Januar 2017

Das bürokratische Irrenhaus, Teil 1

Momentan habe ich das Gefühl, wir machen gerade bei "Verstehen Sie Spaß" mit. Wobei, dafür ist das Thema zu ernst. Aber fast jeden Tag, wenn ich die Post öffne, wird alles immer absurder, so dass man denkt, es kann nur noch ein Witz sein.

Alles begann Mitte November. Der Opa ist verstorben. Der Ehemann der dementen Oma, die hier ab und an schon Thema war. Er war immer fit und gut drauf für sein Alter, hatte einige ernste Krankheiten, die manch andere umhauen, überstanden, aber eine Lungenentzündung war dann zu viel.

So weit, so traurig. Der Junior malt immer noch Bilder von Opa. Kürzlich sogar mit "Kiste", die gruselig gut gezeichnet war. Und er fragt immer noch, ob ein Pfarrer Gott kennt und wenn nicht, warum sprechen Pfarrer dann so, als ob dem so wäre? Tja.

Zurück bleibt die demente Oma. Die (zum Glück?) vom Tod ihres Mann nichts mitbekommen hat, weil sie auch nach der dritten vorsichtigen Erklärung nicht verstand, was "verstorben" ist.

Und es sind nun etliche bürokratische Dinge zu regeln.  Zum Glück haben sie ja vorgesorgt. Dachten wir. Noch zu gesunden Zeiten, vor gut 10 Jahren, haben die Großeltern beim Notar eine seitenlange Vorsorgevollmacht für alle erdenklichen Bereiche erstellen lassen. Alles genau darin festgehalten - für Gesundheitsvorsorge, für Entscheidungen, ob Maschinen abgestellt werden sollen, für Finanzen, für alles und auch über den Tod hinaus.  Diese Vollmacht ist absolut eindeutig und wurde von uns in der Vergangenheit bereits genutzt - für Angelegenheiten im Heim, für Einverständniserklärungen für Narkosen und ähnliche Dinge. Wurde immer akzeptiert. Warum auch nicht. Dass die Oma dement ist, sieht seit Jahren ein Blinder, Diagnosen samt CT-Aufnahmen der vaskulären Demenz liegen vor. Es gibt Schreiben von der Gerontopsychatrie und Neurologen.

Aber nun geht es los. Es fing alles damit an, dass die Oma nun kein Konto mehr hat. Wie das sein kann? Sie hatte ein gemeinsames Konto mit ihrem Ehemann. Da er verstorben ist, bekommt sie - theoretisch-  ein neues Konto auf ihren Namen. Das wäre an sich kein Problem. Wäre sie nicht dement und damit geschäftsunfähig. Sie kann sich nicht "legitimieren", wie es so schön heißt. Es liegt bei der Bank eine Vollmacht vor, auf den Namen meines Mannes, der laut Vorsorgevollmacht auch sonst bevollmächtigt ist für eben alles erdenkliche. Das nutzte in dem Fall nichts oder wenig. Dank der Vorsorgevollmacht wird derzeit immerhin alles noch einmal geprüft. Wie oft wir schon mit der Hotline telefoniert haben, weiß ich nicht.

Aber ohne Konto keine Rente, weder die eigene der Oma, noch irgendwann Witwenrente. Aber es laufen ja jeden Monat 2000 Euro Heimkosten auf...

Dummerweise hatten die Großeltern - als sparsame Schwaben - ihr Konto auch noch bei einer Direktbank. Das erschwert die Sache ohnehin schon (mal eben in die Filiale gehen und es klären, ggf. zur Not die Oma vorzeigen, damit einem geglaubt wird, geht halt nicht). Aber dazu kommt noch, dass diese Bank kein Konto zulässt, die von einem wie auch immer gearteten Betreuer betreut werden. Sprich, für nicht geschäftsfähige Personen geht da eh nichts.

Also klapperten wir diverse Filialbanken ab. Fast überall wurden wir abgewiesen. Eine Bank gab uns einen Termin. Die Kontoeröffnung wollte der Filialleiter machen, der sich vorab informierte. Ja, das sei alles ok, was wir bei diesem Termin an Unterlagen anbrachten - die Vollmacht und Atteste vom Neurologen - aus den Jahren 2010 bis 2016 waren die Schreiben, das aktuelleste immerhin vom Sommer und damit recht frisch.

Es wurde darin immer wieder eine weiter voranschreitende Demenz attestiert. Es wird darin auch immer angekreuzt, was sie alles nicht mehr kann. Quasi alles. Sie weiß nicht mal mehr ihren Namen und kann nicht mehr sprechen, außer höchstens mal ein Wort, das es zwar gibt, aber nicht in den Zusammenhang passt (Beispiel: "Wie geht es dir?"-" "Bürste"....Und DAS ist an einem guten Tag! An einem schlechten kommt so etwas wie "bapihefhosfhpwefj?!").

2 Wochen nach dem Termin der Bank, die uns 100% sicher zusagte, dass die Kontoeröffnung eines reinen Guthabenkontos klappen wird, kam ein Brief "Ohne Gutachten vom Neurologen zur Geschäftsfähigkeit kein Konto". Wir mögen dies bitte binnen 7 Tagen vorlegen.

Also...Anfrage beim Neurologen, ob er ein solches Gutachten erstellen kann. Ja, kann er. Dauert mehr als 7 Tage, kostet im vierstelligen Bereich. Sei vermutlich aber unnötig bei Vorliegen einer Vollmacht. Hm.

Wir vereinbarten einen Beratungstermin bei der Sozialstation. Uns wurde gesagt, dort bekäme man Beratung. Bekommt man auch, man ist dort sehr nett und hilfreich. Dort erklärte man uns aber auch, wir hätten alles richtig gemacht, die Sache sei vertrackt und man könne da auch gar nichts raten.

Rente kommt mangels Konto vorerst nirgendwo her und wird gestapelt, bis sich die Sache geklärt hat Nicht mal ihre eigene kommt. Von Hinterbliebenenrente auch noch keine Spur. Denn bis die Sterbeurkunde kam - ohne die geht in dieser Richtung logischerweise nichts-  dauerte es erstmal 6 Wochen (!). Denn Berlin hat aktuell wohl so gut wie keine Standesbeamten.

Wir haben versucht, mit der Vollmacht und den Attests die Rentenversicherung dazu zu bewegen, die Rente auf  das Konto meines Mannes zu überweisen, da er laut Vollmacht zuständig für die Oma ist. Und gehofft, man könne auf diese Weise - wenn das Geld an ihn geht und er es dem Heim überweist und das natürlich auch alles genau dokumentiert- das Kontoproblem so umfahren kann. Erst hieß es, das ginge. Vollmacht und Atteste sind ja eindeutig.

Heute dann Post. An die demente Oma gerichtet. Da ihre Rente aufgrund ihrer Geschäftsunfähigkeit ja an die in der Vollmacht genannte Person und nicht an sie gehen soll, möge sie bitte auf dem beiliegenden Formular unterschreiben.

Als ich das las, kam ich mir langsam vor wie ein hysterischer Clown. Welchen Sinn macht eine Unterschrift in ihrem Fall, hat sie irgendwelchen Wert, da sie ohnehin nicht weiß, was sie tut? Und wie soll jemand unterschreiben, der nicht mal mehr seinen Namen weiß, nicht mehr einen Stift halten kann, sich die Zahncreme in die Haare schmiert und mit der Brille den Kaffee umrührt -. und selbiges höchstwahrscheinlich auch mit einem Stift tun wird? Was machen wir nun? Sie einfach mal "schreiben" lassen und hinschicken, egal, wie es aussieht? Oder bei der Rentenversicherung anrufen und erklären, dass Unterschreiben definitiv unmöglich ist, sie im Glücksfall vielleicht ein gekritztelte Linie bekommen, aber selbst dies unwahrscheinlich ist - und was sie eigentlich mit einer Unterschrift einer geschäftsunfähigen Person anfangen können?

To be continued.... denn es kommen noch viele weitere Dinge in naher und ferner Zukunft, die geregelt werden müssen. Und da haben die Großeltern und wir alle immer gedacht, sie hätten ja für den Fall der Fälle vorgesorgt...

Kommentare:

  1. Der Ehemann hat doch den gleichen Namen wie seine Mutter, also kann er ohne Vornamen einfach eine krakelige Unterschrift setzen und das Schreiben an die Rentenversicherung senden.
    Wir kennen das Spektrum der Schwierigkeiten, unerträglich, nur mit Witz und Ideen zu lösen. Es sei denn, man gerät zufällig an kompetente Sachbearbeiterinnen...

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    1. Das stimmt, das könnte man machen. Ich heiße ja auch so...aber wir möchten keinen Ärger wegen Urkundenfälschung riskieren. Heute wurde uns gesagt, wir sollen ein Schreiben der Hausärztin und vom Heim einreichen mit den Neurologen-Briefen. Ob es dann wirklich angenommen wird, glaube ich erst, wenn die Kuh vom Eis ist.

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  2. Ich verstehe nicht wirklich.
    Wozu hat dein Mann denn überhaut eine Vollmacht, wenn er dann doch nichts darf? Ich dachte, wer eine Vollmacht hat, darf fast "alles"..

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    1. Es wird schlicht und ergreifend nicht akzeptiert. In der Vollmacht steht “bei Geschäftsunfähigkeit“. Nun liegen diverse Schreiben zur Demenz vor, im Grund genommen, ist man damit nicht geschäftsfähig. Aber die Banken hätten gern noch ein teures Gutachten.

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  3. Oh, nee, das klingt ja echt nach einem gewissen Albtraum... Bitte nicht den Humor verlieren! (Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das gehen soll.) Rechtsanwalt einschalten?

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    1. Wir versuchen, den Humor nicht zu verlieren, aber an Tagen wie gestern, die mein Mann gefühlt von morgens bis abends mit Telefonaten verbracht hat, davon lange Zeit in Warteschleifen und ohne gesicherte Aussagen, ist man abends schon ziemlich runter mit den Nerven. Es sind alles Probleme, mit denen wir im Leben nicht gerechnet haben, da ja eigentlich vorgesorgt wurde. Wir wüssten nicht, was man noch hätte besser machen können.

      Über einen Anwalt haben wir auch schon nachgedacht. Oder aber den Notar, der die Vollmacht erstellt hat. Da dieser Notar in Wiesloch sitzt, ist es etwas kompliziert, aber ginge schon. Erstmal warten wir, ob es doch noch irgendwie sich noch alles klärt, sowohl Rentenversicherung als auch Bank prüfen gerade, ob ihnen die Schreiben vom Neurologen ausreichen. Wenn es nicht klappt, geht es wohl zum Notar und ggf. zum Anwalt.

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