Mittwoch, 22. August 2018

Expedition zu den Polen - Gdynia, Danzig, Sopot

Schon vor vielen Jahren, damals wohnte ich noch in Mitte, habe ich erstmals einen polnischen Zug gesehen. Den Berlin-Warschau-Express. Er fuhr quasi an dem Haus vorbei, in dem ich gewohnt habe und ich überlegte immer, ob man damit nicht mal fahren könnte. Aber Warschau ist ganz schön weit weg... Irgendwann sah ich am Bahnhof, dass bei dem Zug nach Polen manchmal nicht Warschau, sondern Gdynia dransteht. Wo ist das? Klingt das zufällig so ähnlich wie Gdansk?



Also habe ich nachgeschaut. Gdynia ist gleich bei Gdansk, oder eben Danzig, dazwischen ist Sopot oder auch Zoppot, ein Ostseebad. Die drei Städte bilden eine Art Dreistadt, weil sie ziemlich zusammengewachsen sind.
Ostsee ist immer gut. Polnische Ostseeküste auch. Da gibt es Bernstein und es ist nicht so ein Freiluftaltenheim wie viele Orte an der deutschen Ostseeküste. Dass es auch noch günstiger ist, ist ein angenehmer Nebeneffekt.

Also wurde beschlossen, dass wir das ausprobieren werden. Eine Freundin samt Baby war spontan mit dabei. Wir nahmen uns noch einen Geocaching-Mystery-Trail in der Gegend vor und dann wurde Zugticket und AirBnB-Wohnung gebucht und los ging es...

Das Buchen der Zugtickets war... absurd. Es gibt bei der Deutschen Bahn immer das Europa-Special. Das gilt auch für Polen. Ab 19 Euro geht von Berlin nach Posen, für 39 Euro gibt es eine längere Fahrt. So weit, so gut. Rein aus Neugierde wollte ich schauen, was die gleichen Tickets bei der polnischen Bahn kosten. Es ist mir auf der Webseite der polnischen Bahn nicht gelungen, auch nur Preise zu sehen geschweige denn ein Ticket zu buchen. Die Seite ist zwar auch auf Englisch verfügbar, aber nicht so wirklich komplett übersetzt und einen Button zum Buchen fand ich nicht. Als ich eine polnische Freundin fragte, kam ein lachendes "Das gibt es noch nicht, wir sind noch im Mittelalter... gäbe es schon Online-Tickets, würde ich meinen Mann nicht kennen - den habe ich am Ticketschalter in Krakau kennengelernt." Na dann...

Nun wollte ich logischerweise nicht zu einem polnischen Ticketschalter ins Nachbarland fahren und buchte bei der Deutschen Bahn online die Tickets. Und war erstaunt, dass ich es weder einfach ausdrucken noch aufs Handy laden konnte. Nein, ich musste 5 Euro Versandkosten zahlen, da mein online gebuchten Ticket gedruckt und mir per Post zugesandt wurde. Also... spontan ist anders. Kurz mal weg geht nicht. Ich bekam ein ganzes Pamphlet zugeschickt - Tickets, die aussahen wie im letzten Jahrhundert (nee, keine kleine Pappkarte, aber so ein breites, kleines Papierticket für jede Fahrt) und dazu noch mehrere Seite Schreiben, die verwirrend klangen und aus denen nicht hervorging, ob wirklich alle gebuchten Fahrgäste auch auf dem Ticket stehen, ob die BahnCard25 angerechnet wurde und und und...
Fazit: sehr seltsam. Aber günstig mit 39 Euro pro Strecke, zumal eine Sitzplatzreservierung dabei ist. Spontan verreisen ist aber unmöglich.

Pünktlich ging es los. Die Fahrt dauert etwas über 6 Stunden. Es geht über Frankfurt/Oder und Posen irgendwann Richtung Norden nach Danzig und dann nach Gdynia. Die Gegend sieht nicht viel anders aus als in Deutschland. Einziger Unterschied: es gibt Netz und das überall, 4G steht oben im Handy und das immer. Sobald der Zug auf der Rückfahrt Frankfurt/Oder erreicht, heißt es wieder "es gibt nur noch Edge, willkommen in Deutschland!". Dafür lief im Zug das Wifi nur sehr mäßig. Das kann die Bahn im ICE besser.



Aber wir waren ja zum "Aus dem Fester gucken" da: Felder, viele beschrankte Bahnübergänge, an denen der Zug permanent hupte, ein Hirsch, viele Störche, Kraniche. Viele Städte mit Namen, die wir nicht aussprechen konnten. In Gdynia ist Endstation und man landet um 20:53 Uhr am Hauptbahnhof. Erster Eindruck des Augustabends: warm ist es und die Mücken stechen fies.

Der Weg zur AirBnB-Bleibe war gut zu finden, überhaupt ist die Stadt klein und nach drei Tagen hatten wir den Durchblick übers ganze Stadtgebiet, aber an unserem ersten Abend lernten wir etwas Neues. Und zwar, dass an polnischen Wohnhäusern unten offenbar keine Namen stehen. Wir standen also vor einem Wohnhaus. Wir wussten, dass oben jemand auf uns wartet. Nur konnten wir demjenigen nicht mitteilen, dass wir da sind, weil wir nicht wussten, was wir bei diesem dusseligen Display mit den Zahlen eingeben sollen. Es war dunkel. Mein Sohn bekam langsam leichte Panik. Ich versuchte die Vermieterin zu erreichen, was zunächst erfolglos blieb. So ein Mist. Also habe ich schon einmal nachgeschaut, wo das nächste Hostel ist. Mein Mann meinte per WhatsApp von zu Hause aus, ob denn die "18" nach der Hausnummer eine Wohnungsnummer sein könnte.... Öhm, ja. Da hatte er Recht, das half zwar erst einmal auch nicht weiter, aber genau in dem Moment erschien ohnehin unten an der Haustür ein alter Mann. Unsere einzige Chance, um diese Uhrzeit irgendwen aus dem Haus anzutreffen. Also versuchte ich es mal und fragte nach unserer Unterkunft. Er verstand zwar nur polnisch, aber es stellte sich heraus: er war derjenige, der auf uns wartete und nun gehen wollte, da wir nicht kamen. Puh! Im gleichen Moment rief auch die Vermieterin selbst an... Der Mann schleppte den Kinderwagen die 6 (!) Etagen hoch und wir waren endlich angekommen.



Die Wohnung war typisch AirBnB... ganz offensichtlich waren die eigentlichen Mieter im Urlaub und vermieteten nun ihre Wohnung. Das nenne ich effektiv ;-). In den Schränken war Kleidung, in den Küchenschränken Lebensmittel, im Kinderzimmer Spielzeug. Vier kreischende Dinosaurier, von denen ich den letzten erst nach zwei Stunden fand und abschalten konnten, hielten uns bis fast Mitternacht auf Trab...

Am nächsten Morgen ging es los durch die Stadt. Sie ist nicht allzu spektakulär, hat keine Altstadt oder ähnliches. Es ist ein ehemaliger Fischerort, der durch den Hafen zur wohlhabenden Stadt geworden ist. Es gibt eine Hauptstraße mit vielen Läden und Restaurants, Theater, einen Hügel, auf den eine Seilbahn hinauffährt, einen Strand mit Spielplatz mit Rummelplatz nebenan und auf der anderen Seite des Bahnhofs, quasi landeinwärts, eine Hügellandschaft, die zum Wandern einlädt, ordentlich Kondition vorausgesetzt. Das Einkaufszentrum neben dieser Hügellandschaft ist beeindruckend riesig und an allen Ecken im Center sind kleine Spielplätze.



Auch in fast allen Restaurants gibt es Kinderspielecken - sei es ein Bällebad oder Ecken mit Spielzeug. Uns fällt auf: es gibt insgesamt viel mehr Kinder als in Deutschland und offenbar gibt es überall etwas zum Spielen. Find ich klasse. In Berlin sind solche Restaurants eine absolute Seltenheit und Spielplätze mit Klettergerüst und Rutsche im Einkaufszentrum habe ich noch nie gesehen.

Nachdem wir Gdynia komplett gesehen hatten und fast den gesamten Geocaching-Trail geschafft hatten (bis uns abends ein verdächtig zahmer Fuchs, der uns immer weiter entgegen kam, das Weiterlaufen verhagelte), ging es natürlich auch Sopot und Danzig.



Danzig ist schön. Die Altstadt hat echt Charme, es ist eine Stadt, wie sie typisch für die baltische Region ist. Sie erinnerte mich ein wenig an Tallinn. Viele alte Gebäude, viele Fachwerkhäuser. Seeehr viele Touristen, überwiegend Rentner aus Deutschland. Wir schlenderten durch die Stadt, schauten uns hier und da um und kamen an  Riesenrad und einer Art Wasserfest mit Booten vorbei. Und an öffentlichen Ladestationen fürs Handy. Da hat jemand mal gut mitgedacht. Die Westerplatte, den Ort, an dem der 2.Weltkrieg begann, haben wir ausgelassen, da es etwas weit weg war und zwar historisch interessant, aber nicht schön.


Danzig ist allgemein sehr voll. Nicht nur mit Touristen. Die Bahn, eine Art S-Bahn, die nach Sopot und Gdynia fuhr, war irre voll und das an einem Sonntag! Dazu gibt es eine riesige, wirklich riesige Lücke zwischen Bahn und Bahnsteigkante. Wir hatten ziemliche Panik, wie wir mit einem Kind mit kurzen Beinen und dazu einem Baby im Kinderwagen aus dem Zug wieder herauskommen sollten, nachdem schon das Einsteigen ein Abenteuer war.





Natürlich durfte bei der Expedition Sopot nicht fehlen - das Ostseebad. Sehr alt, kaum im Krieg zerstört und somit noch quasi im Originalzustand. Und es ist sehr schön. Man kann vom Bahnhof zum Strand runterlaufen. Dort wartet eine schöne Promenade und die längste hölzerne Seebrücke Europas. Der Ort ist schön, nicht nur direkt am Strand, sondern auch allgemein. Viele Parks und viel Platz zum Radfahren.  Die Häuser sehen alt, aber gut in Schuss aus, es ist schöner als andere Seebäder. Wenn ich noch einmal in diese Gegend an die Ostsee fahre, dann dorthin. Zumal der Zug aus Berlin ja eben auch in Sopot anhält. Ich weiß gar nicht, ob andere Ostseebäder so leicht mit dem Zug erreichbar sind, dass man quasi 500 m vom Strand aus den Fernbahnhof hat



Ich wurde gefragt, ob die Leute da Englisch verstehen. Ja. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie Deutsch sprechen, ist deutlich höher. Erst fiel uns das bei sehr alten Leuten auf und wir dachten, sie können das vielleicht noch, weil die Gegend mal Deutsch war. Aber auch junge Leute sprechen Deutsch. Einen Versuch war es immer wert, zu fragen, eh man auf Englisch loslegt, weil man immer denkt, im Ausland spricht man halt Englisch...

Ach ja - ja, es gibt Bernstein. Kleine Teile fand man quasi dort, wo die Wellen ankommen. Ein Sieb hätte die Suche enorm erleichtert. Und ich denke, nach Herbststürmen findet man mehr als im Hochsommer. Aber wir sind mit unserer Ausbeute zufrieden.


Und noch etwas: das ist keine Butter... Wir haben uns im Supermarkt noch gefragt, warum da eine Oma auf der Butter abgebildet ist. Tja, weil es Hefe ist. Das bemerkten wir leider erst beim Schmieren der Frühstücksbrötchen ;-)


Und noch ein Fun Fact: Kinder unter 4 Jahre brauchen ein Ticket für die Regionalbahn. Es kostet aber nichts...


Unser Fazit:
Eine schöne Gegend an der Ostsee, Danzig ist zudem eine hübsche Stadt, aber wir waren mit der Wahl unserer Unterkunft in Gdynia sehr zufrieden, da es in der Stadt leerer und weniger wuselig war. Ich werde doch sicher noch einmal hinfahren und dann vielleicht länger am Strand bleiben oder Richtung Norden, ins Baltikum, weiterfahren. Wenn ich herausgefunden habe, wie man ein Visum für Kaliningrad bekommt...




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